Ein neues Jahr bricht an. Neues Jahr, neue Gedanken, könnte man sagen. Und ich denke gerne und ausgiebig. Auch wenn das nicht immer vom gewünschten Erfolg gekrönt ist.

Warum tun wir das eigentlich? Warum lassen sich gestandene Männer von einer verkleideten Frau demütigen und quälen und zahlen dafür auch noch Geld? Warum macht es mir Spaß, gemein und fies zu sein und Dich leiden zu sehen? Ist das krank? Ich (und Menschen, die klüger sind als Du und ich) würde sagen: es kommt drauf an.

Warum tust Du es?

Im ersten Moment würdest Du sicher sagen: Weil’s geil ist. Aber lass uns den Gedanken doch mal weiterdenken. Denn “geil” bekommst Du auch, wenn Du masturbierst oder mit jemandem schläfst. Warum also wählst Du diesen Weg? Ich denke, da steckt tatsächlich mehr dahinter. Vielleicht ist es ein Trigger, den Du Dir in Deiner Kindheit eingetreten hast und dessen Du Dir ganz bewusst bist, vielleicht ist es aber auch etwas, dessen Ursprung Du nicht mehr genau benennen kannst. Ich denke, dass die Ausgangslage egal ist. Es ist jetzt da. Weshalb es da ist, hilft wenig dabei, die Mechanismen zu verstehen.

Die meisten meiner Gäste würde ich als psychisch gesund einstufen. Sie zeigen keinerlei Auffälligkeiten. Sie haben ein “normales” Leben, ganz normale Jobs und verhalten sich aus meiner Sicht normal.

Bis sie bei mir zur Türe reinkommen. Sie wollen, dass ich ihnen Dinge antue, von denen so manch einer behaupten würde, sie wären krank. Sie lassen sich schlagen, bis die Haut aufplatzt. Sie lecken meine Spucke vom Boden. Sie küssen meine Füße. Sie lassen sich Nadeln durch ihre Geschlechtsteile stechen oder verkleiden sich gerne als Frau und wollen wie eine Hure behandelt werden. Sie äußern Wünsche, gegen deren Intensität ein Christian Grey wie ein Ministrant anmutet. Das alles sind Dinge, die offensichtlich dazu dienen, einen gewissen Zustand zu erreichen.

Es geht dabei um ganz einfach verständliche Dinge wie Machtlosigkeit, loslassen, Verantwortung abgeben, sich unterlegen fühlen.

Manchmal stimmt das Klischee vom gestressten Manager, der sich in seiner Freizeit von bösen Frauen wie mir unterwerfen lässt, tatsächlich. Man muss aber kein gestresster Manager sein, um das Bedürfnis nach dem dominiert werden zu entwickeln. Menschen stehen unter Druck in ihrem Leben. Menschen müssen funktionieren und leisten. Manche von uns müssen wahnsinnig wichtig, kompetent, souverän oder neurotisch sein, um den Platz, den sie sich im Leben ergattert haben, zu verteidigen. Das macht müde.

Das Bedürfnis nach etwas Auszeit ist groß.

Ich kenne Menschen, die sich mit Alkohol oder Drogen den so notwendigen Ausgleich verschaffen. Andere betreiben (Extrem-) Sport. Wieder andere gehen den Jakobsweg. Und meine Gäste lassen sich eben – salopp gesagt – verhauen. Ich sehe meine Arbeit immer als eine Art Vehikel, um einen gewünschten Zustand zu erreichen. Was meine (gesunden) Gäste neben ihrer Sexualiät antreibt, glaube ich halbwegs zu verstehen.

Warum tue ich es?

Aber wie ist das jetzt für mich? Achtung: Das wird jetzt sehr ernüchternd. Möglicherweise auch geschäftsschädigend. Aber es muss auch mal gesagt sein. Und insgeheim ahnte man es ja schon. Ich bin nicht dazu geeignet, mir ein Blatt vor den Mund zu nehmen, um jemandem zu gefallen oder um mehr zu verkaufen. Dazu bin ich zu alt.

Auch wenn ich Dich das gerne glauben ließe, ich kann nicht 24 Stunden am Tag an Sex denken. Tatsächlich ist meine sexuelle Komponente an dem ganzen Spiel relativ gering bis hin zu inexistent. Das hat einerseits damit zu tun, dass Du mich niemals auf eine eindeutig sexuelle Art berühren darfst, schon gar nicht an intimen Stellen. Weil ich das nicht wollen würde. Du bist ja im Prinzip fremd für mich und ja, ich bin da ziemlich bieder. Hauptsächlich hat es aber damit zu tun, dass ich mich während meines Tuns viel zu sehr im Kopf befinde. Ich muss beobachten, Signale deuten und Dir immer einen Schritt voraus sein. Ich muss auf Dich aufpassen. Ich muss eine Choreographie aufrecht erhalten, ich muss abschätzen, wie viel Druck notwendig ist. Ich darf Deine Tabus nicht vergessen und muss schauen, dass ich wenigstens den einen oder anderen Wunsch umsetzen kann. Das verhindert, dass ich mich persönlich sexuell beteilige. Und trotzdem habe ich – Überraschung – ziemlich viel Spaß. Du fragst Dich jetzt bestimmt, wie das geht.

Während dem für Dich das Loslassen und beherrscht werden eine Wohltat ist, genieße ich es, einen Ort gefunden zu haben, an dem ich die Kontrolle habe.

Ich habe Macht. Ich bin nicht hilflos oder schutzlos. Ich muss mich nicht dem Schicksal unterordnen, ich BIN das Schicksal (hoppala, blasphemische Tendenzen, Frau Lynn). Und bekomme auch noch Geld dafür. Wie viel besser kann es denn noch werden, bitte?

Ich bestimme, was passiert und noch viel wichtiger – was nicht. Es ist nicht wie im “richtigen” Leben wo mir unangenehme Dinge widerfahren, die ich nicht beeinflussen kann. Und das macht es verdammt sexy. Und fühlt sich manchmal an wie eine Therapie gegen die Unbill des Lebens.

Ein anderer Grund ist, dass ich in die Rolle einer immer souveränen, überlegenen Amazone schlüpfen kann. Das ist gut fürs Ego, ehrlich. Sehr wahrscheinlich wärst Du ernüchtert, wie normal ich im Prinzip bin. Und ich bete, dass Du mich niemals ungeschminkt siehst ;-). Für mich ist also auch diese Rolle eine Art Urlaub von meinem normalen Ich. Und das macht sehr viel Spaß.

Wann ist es krankhaft?

Der ICD-10, ein Klassifizierungsschema für Krankheiten, zählt einige Pathologien auf, die wir im BDSM genau so finden wie die ganz normalen Wünsche und Mechanismen, die ich beschrieben habe. Natürlich gibt es auch Zeitgenossen, die aus einem Krankheitsbild heraus bei mir landen. Ich kann das oft nicht unterscheiden, weil ich Dich nicht so gut kenne. Ist auch nicht meine Aufgabe, sonst wäre ich ja Psychotherapeutin und nicht Domina. Trotzdem ist es gut zu wissen, ab wann Deine Wünsche als Krankheit gelten und Du Dir anderweitig Hilfe holen solltest. Zu den krankheitswertigen Gründen können die diversesten Störungsbilder gehören. Ich nehme jetzt mal Abstand davon, das hier aufzuzählen, dazu fehlt mir die medizinische Kompetenz. Jedem, den es interessiert, empfehle ich, sich den ICD-10 mal anzusehen (hier).

Aber Achtung: Erst der Leidensdruck unterscheidet eine Abweichung von einer echten Störung oder Krankheit.

Man könnte also sagen, egal wie hirnrissig Deine Fantasien sind, solange Du nicht leidest und sie keinem anderen schaden, ist es keine Störung.

Die therapeutische oder heilende Komponente

Viele BDSM Praktizierende sprechen von einem therapeutischen Effekt, der eigentlich der Anlass meines Beitrags ist. Da ich wie gesagt – keine psychologische Ausbildung habe und mein Wissen diesbezüglich bestenfalls stümperhaft ist, kann ich nur meine Sichtweise oder mein Erleben schildern. Aber vielleicht empfindest Du ja etwas Ähnliches.

Durch diese künstlich herbeigeführte Situation dürfen wir plötzlich Dinge tun oder empfinden, die wir sonst nicht dürfen.

Es ist ein geschützter Raum für emotionale und sexuelle Experimente.

Oft ist uns leichter, wenn wir eine Emotion einmal einfach völlig ungebremst laufen lassen dürfen. Unsere Sozialisierung verbietet das im normalen Umfeld ja oft. So werden wir unbemerkt zu verklemmten Neurotikern, die sich selber nicht mehr spüren und deren Emotionen durch das Leben perfekt wegtrainiert sind. Ist das nicht traurig?

Ich baue zum Beispiel oft Aggression ab oder Frust, wenn ich Dich quäle. Auch wenn das manche BDSM Experten völlig “pfui” finden. Mir ist das aber egal. Das ist meine BDSM Bühne und meine Regeln. Meine Beweggründe. Meine Emotionen. Und ich darf damit so umgehen, denn ich schade niemandem damit, im Gegenteil. Ich gebe Dir Schutz und die Möglichkeit, dich komplett fallen zu lassen und Du bietest mir eine Projektionsfläche wo meine Emotionen plötzlich zu etwas Erwünschtem werden. Ich finde das klingt sehr in Ordnung. Oder wie sagt man neudeutsch: win-win.

Solltest Du Dir übrigens die Frage stellen, ob Du gesund bist, kann ich Dir gerne einen Psychotherapeuten empfehlen, der das in einer Videosession abklärt. Er macht mit mir meine regelmäßigen Supervisionen und ist mit dem Thema BDSM bestens vertraut. Kontaktiere mich einfach.